„Du brauchst nicht nervös zu sein. Unsere Hautfarbe ist zwar anders, aber wir haben alle dasselbe Blut.“
Zitat Mitarbeiter BigBazaar Bangalore
Wie schnell die Zeit doch verging. Gerade noch saß ich im Flieger nach Chennai und jetzt bin ich schon zwei Wochen hier im Bethania Student’s Home. Es kommt mir auf der einen Seite so vor, als wäre ich schon ewig hier, der Kalender zeigt aber, dass es wirklich erst zwanzig Tage in Indien und zwei Wochen in der Einsatzstelle sind.
Nach einem langen Flug, bei dem ich zum Glück alle sechs anderen Indien-Freiwilligen dabei hatte, sind wir um Mitternacht in Chennai, einer Stadt an der südöstlichen Küste Indiens gelandet. Dort befindet sich der Sitz der CSI (Church of South India), die zusammen mit der EMS für die Koordination und Organisation unserer Programme zuständig ist. In Chennai, und später auch in Bangalore (Sitz der CSI Board of Child Care) hatten wir einige Tage Zeit, uns mit allem Neuen vertraut zu machen. Wir wurden unterrichtet über die vielen Aufgaben, die die CSI hat und lernten einiges über indische Kultur. Ein schönes und sehr bereicherndes Erlebnis war, als einige gleichaltrige junge Christen mit uns den Abend verbrachten. Wir lernten ein Lied auf Tamil (eine der Sprachen in Südindien) und einen Tanz, vor allem aber konnten wir Fragen stellen und bekamen Einblicke, wie es ist in Südindien aufzuwachsen.
Am Freitag hatten wir die Möglichkeit Bangalore zu besuchen um Eindrücke zu sammeln über die wir später in der Gruppe diskutiert haben und Fragen geklärt wurden. Sonntags ging es für uns in einen Gottesdienst mit Kinderkirche auf Tamil, in der viel gesungen wurde und wir anschließend auch noch einiges zu Essen bekamen. Den Samstag vorher waren auch schon unsere Warden (Einsatzstellenleiter*innen) gekommen, mit denen wir alle am Sonntag in Richtung Einsatzstellen verschwanden. Ich habe diese erste Zeit sehr genossen und konnte mich schon auf das neue Essen und das Klima vorbereiten. Trotzdem wusste ich, dass ich nicht ständig sechs andere Deutsche um mich herum haben würde und die Aufregung stieg auf der vierzehnstündigen Sleeper Train Fahrt mit meiner Warden. Die Fahrt war ein wirkliches Erlebnis, da ich auch in Deutschland noch nie in einem Sleeper Wagen gefahren bin und es so eine völlig neue Erfahrung war. Als wir schließlich übermüdet am Montag morgen im Bethania Student’s Home ankamen, wurde ich direkt von den Mädchen mit einem Willkommensschild und einem Blumenstrauß empfangen. Ich konnte nur lächeln, ich war viel zu erschöpft und zu glücklich um irgendetwas anderes zu tun. Nach viel Schlaf und gutem Essen hatte ich am Nachmittag dann die Chance alle Mädchen zu treffen und mich vorzustellen. Alle Sorgen, die ich mir gemacht habe, waren in gewisser Weise unberechtigt, die Mädchen haben mich schon ins Herz geschlossen und ich wurde unglaublich nett aufgenommen.
Im Bethania Student’s Home, meiner Einsatzstelle, leben Mädchen aus der Diozöse Malabar, dem nördlichsten Teil Keralas. Mädchen, die zuhause wenig haben, werden von der CSI ausgewählt im Bethania zu wohnen. In den Ferien fahren sie alle nach Hause, aber während der Schulzeit leben, lernen und spielen sie hier. Neben den Mädchen gibt es auch einige Hostels, junge Frauen, die hier wohnen und essen aber tagsüber arbeiten oder studieren.
Obwohl ich schon zwei Wochen da bin, habe ich mich noch nicht an den geregelten Tagesablauf angepasst. Ich war in der ersten Woche direkt krank, was mich leider einige Tage übers Wochenende sehr eingeschränkt hat. Dankbar habe ich die viele Hilfe von meiner Warden und den zwei hier angestellten Frauen empfangen, die sich wirklich rund um die Uhr um mich gekümmert haben, als ich krank war. So ging es mir auch schnell besser, ich konnte endlich mehr Zeit mit den Mädchen verbringen!
Morgens beginnt der Tag mit einem Prayer um 7:00 am unter der Woche und am Wochenende etwas früher. Es ist eine Viertel- bis halbe Stunde Gebet und Bibellesen. Auch jeden abend um 7:00 pm findet dieser Prayer statt, bei dem Lieder auf Malayalam gesungen werden, ich habe aber schon einige Melodien erkannt. Nach dem Prayer gibt es um 8:00 am Frühstück, und bis um ca. 9:00 am richten sich die Mädchen für die Schule und ich wasche meist meine Kleidung in dieser Zeit. Die älteren Mädchen gehen dann direkt zur Schule, die jüngeren warten noch auf den Schulbus, der sie um kurz vor 10:00 am abholt. Dann beginnt meine freie Zeit, in der ich in diesen ersten Tagen vor allem Malayalam lerne, eine der fünf Sprachen, die in Südindien gesprochen wird. Am Anfang kam es mir so vor, als würde ich die Buchstaben nie lernen. Einige gleichaltrige Mädchen haben mir aber mit meinen Anfangsschwierigkeiten geholfen und jetzt bin ich ziemlich motiviert Vokabeln und die etwas schwierige Aussprache auch noch zu lernen. Gegen 11:00 am beginnt meist meine Zeit, in der ich meiner Warden im Büro helfe. Das ist aber je nach Tag ganz abhängig davon, was zu tun ist. Ich helfe meist bei Computerarbeit, verschicke E-Mails oder gehe mit meiner Warden in die Stadt, um wichtige Besorgungen zu machen. Genauso sieht auch mein Nachmittag aus, ab 3:00 pm habe ich meist wieder freie Zeit, die ich unterschiedlich nutze. Um ca 4:00 pm kommen die Mädchen dann von der Schule, duschen und es gibt den Evening Tea um 5:00 pm. Der Tea besteht meist aus Chai mit einem Snack, der je nach Tag variiert. Nach dem Tea beginnt die Study-Time, in der ich meist meine Aussprache von Malayalam übe oder mit den Mädchen Englisch lerne. Die Study-Time wird abends vom Prayer um 7:00 pm unterbrochen, den jeden Abend ein anderes Mädchen leitet. Auch ich durfte schon einen Prayer organisieren, und obwohl ich alle Lieder alleine auf Englisch gesungen habe, war es trotzdem ein schönes Erlebnis. Um 8:00 pm gibt es schließlich Abendessen, meist Reis oder Chapati (ein Fladenbrot) mit Curry. Ich bin oft schon nach dem Essen so müde vom Tag, dass ich mich meist gegen halb neun bis neun von den Mädchen verabschiede und ins Bett gehe.
Auch wenn ich sehr viel schlafe (auch Mittags, wenn ich die Zeit habe) bin ich immer noch sehr erschöpft. Es sind einfach so viele neue Eindrücke und noch so viel für mich zu lernen. Es liegt noch einiges vor mir und ich hoffe, dass ich nicht vergesse, was der Mitarbeiter im BigBazaar zu mir gesagt hat, als wir unsere Kurtis (lange lockere Oberteile) gekauft haben. Ich war in diesem Moment sehr nervös und wusste auch nicht wie alles weitergeht, aber dieser Satz hat mich sehr beruhigt. Wir sollten weniger auf unsere Verschiedenheiten sehen, als auf das, was uns verbindet. Vielleicht erlebe ich sehr Vieles, das neu und anders ist, trotzdem bin ich hier schon ein Teil der Gemeinschaft und muss mir keine Sorgen machen. Meine Zeit hier ist jetzt noch ganz am Anfang, aber die Herzlichkeit der Menschen, die ich bis jetzt getroffen habe, gibt mir immer wieder aufs Neue Kraft und ich weiß, dass diese Zeit unvergesslich für mich wird.
Bis zu meinem nächsten Blogbeitrag wünsche ich euch alles Gute und viele Grüße nach Deutschland!