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Was bedeutet Christ-sein?

Menschen versammeln sich bei Sonnenuntergang in einer urbanen Demonstration.
Bei einer Demo der CSI in Trichy auf dem Youth Festival (Foto: EMS/Erstling)

Für diesen Blogbeitrag habe ich mich mit Sister Grace John zusammengesetzt und ihr einige Fragen zum Thema ‚Religion im Alltag‘ gestellt. Sie wohnt bei uns im Students Home und ich wollte die Möglichkeit nutzen, um mehr über Religion auch im Allgemeinen zu erfahren. Ihre Antworten sind keine Eigeninterpretation sondern mitgeschriebene Zitate, das heißt, es muss nicht mit meiner eigenen Wahrnehmung des Alltags und der Gesellschaft hier übereinstimmen.

1. Ist Religion noch immer ein wichtiger Aspekt im Alltag?
Ja, natürlich. Auf der einen Seite sind es die Rituale jedes einzelnen. Dass man sonntags in die Kirche geht oder vor dem Essen betet. Auf der anderen Seite ist es eine tiefere Hingabe. Die Erziehung der Kinder, welche Werte man ihnen beibringt. Oder dass wir uns um Kranke und Arme kümmern sollen, sowie um die Alten. Diese christlichen Werte begleiten uns durch den Tag.

2. Wie wird Religion im Alltag ausgelebt?
Viele lesen täglich in der Bibel, oder, wie ich schon sagte, das Beten vor dem Essen. Für mich ist es auch Meditation und Achtsamkeit in der ich Gott suche.

3. Trennt oder verbindet das Ausleben der verschiedenen Religionen die Menschen hier in Indien?
Also, die Religionen haben an sich die Botschaft Menschen anderen Glaubens zu lieben. In Indien leben sie auch sehr friedlich zusammen. Aber viele Eltern haben eine bestimmte Meinung zu Religionen, die sie ihren Kindern beibringen. Für sie gibt es dann eher Unterschiede. Hier in dieser Einrichtung sehen wir keine Unterschiede. Wir haben Hindus und Christen. Trotzdem behandeln wir alle gleich und wollen, dass die Kinder lernen dasselbe zu tun.

4. Was beeinflusst Religion im Laufe des Lebens?
Im Christentum haben wir ein paar sehr wichtige Meilensteine im Leben. Als Erstes die Taufe, wenn die Kinder noch sehr jung sind, die aufgrund des Glaubens der Eltern durchgeführt wird. Wenn sie dann alt genug sind zu verstehen, was der Glaube bedeutet und auch ihre eigenen Erfahrungen gesammelt haben, gibt es die Konfirmation. Was eine sehr wichtige Rolle spielt ist die Ehe. Eine christliche Ehe ist etwas heiliges und voller Reinheit. Das gibt es nicht in anderen Beziehungen. Und dann, am Ende des Lebens ist natürlich die Beerdigung.

5. Wird sich mit Religion auch kritisch auseinandergesetzt oder wird sie eher akzeptiert wie sie ist?
Es ist eines der wichtigsten Themen in Kerala, wenn nicht sogar in ganz Indien. Da sich unsere Regierung religiös positioniert, fangen mehr und mehr Menschen an die Rolle der Religionen in unserer Gesellschaft zu hinterfragen und zu diskutieren. Es ist aber auch mit dem Kastensystem verbunden. Indien versucht dem entgegenzuwirken, während Religionen noch darauf beharren, selbst das Christentum in manchen Staaten. Viele reden gerade über dieses Problem.

6. In welche Richtung entwickelt sich Religion und Religiosität gerade?

Man kann auf jeden Fall eine Veränderung in der Gesellschaft heutzutage erkennen. Junge Leute gehen nicht mehr in die Kirche, wie wir es taten, sie sind oft zu beschäftigt oder denken es ist zu viel Hingabe. Sie wollen unabhängig sein und haben keine Zeit wegen Arbeit oder den Medien. Sie nehmen Filme oder Geld als neue ‚Religionen‘.

Wie erlebe ich hier Religion im Alltag? Jeden morgen und abend treffen wir uns zum Prayer, am Sonntag gehen wir in die Kirche und in letzter Zeit meist noch zu weiteren kirchlichen Veranstaltungen. Wir singen Lieder in der Kirche und wenn ich krank bin wird für mich gebetet. Der Glaube ist viel tiefer im Alltag verwurzelt als in Deutschland. Auch wenn es viele kleine tägliche Rituale sind, ist es hier doch etwas Selbstverständliches. Auch wenn ich manchmal von den neuen Abläufen in der Kirche etwas überfordert bin, tut es gut mit den Kindern fast jeden Sonntag vorzusingen. Auch wenn ich immer noch überrascht bin wie offen Religion hier präsentiert wird, fühlt es sich doch richtig so an. Viele neue Eindrücke, wie man Religion lebt. Aber so Vieles das noch zu lernen ist, oder dass ich nie verstehen werde. Der tiefe Glaube vieler Christen, die ich in der Kirche hier getroffen habe, oder auch der Kinder im Student’s Home hat mich aber auch sehr zum Nachdenken gebracht. An was glaube ich? An wen will ich glauben? Will ich meinen Glauben auf diese Weise ausleben, oder ist mir das zu fremd? Was habe ich über Glauben in Deutschland gelernt, das ich wieder ‚verlernen‘ muss? Und wie passt das Alles in meinen Alltag?

Ich hoffe euch hat der Blogeintrag gefallen, es ist diesmal auf jeden Fall auch etwas zum drüber Nachdenken dabei. 🙂

Ich schicke ganz liebe Grüße nach Deutschland,
Eure Valérie

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