Knapp ein Monat, dann bin ich wieder in Deutschland. Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Die letzten Monate haben sich wie Zuhause angefühlt. Ich bin hier richtig angekommen, habe das Leben in Madurai besser kennengelernt, Bekanntschaften geschlossen, meine Lieblings-Essensspots gefunden und sogar meinen Lieblings-Guaven- und Blumenstand entdeckt. Dort laufe ich fast täglich vorbei und begrüße den Verkäufer mit einem Lächeln oder einem „Vanakkam“. Das Leben hier ist Alltag geworden, und ich weiß nicht so recht, wie ich das alles einfach hinter mir lassen soll.
Irgendwie fühlt sich der Abschied schon seit einigen Monaten an. Angefangen hat es, als die Abschlussklassen endgültig nach Hause gegangen sind. Nach und nach wurden auch die jüngeren Klassen in die Ferien verabschiedet, da Ende März nach und nach die Sommerferien begonnen haben. Zu sehen, wie sehr die Mädchen sich gegenseitig vermissen werden und wie eng sie während ihrer Schulzeit zusammengewachsen sind, war sehr berührend.
Oft haben sie eher negativ über das Leben im Hostel gesprochen. Doch als der Moment kam, an dem sie das Hostel für immer verlassen mussten, waren viele von ihnen sehr traurig. Ich glaube, in diesem Moment wurde ihnen bewusst, wie wertvoll diese gemeinsame Zeit war. Dafür waren sie dankbar – und ich denke, das werden sie auch noch lange bleiben. Ich werde sie alle sehr vermissen. Im Hostel haben wir außerdem vier Babykatzen bekommen. Die Mutterkatze fühlt sich hier sehr wohl, und es ist schön zu sehen, wie ihre Kleinen groß werden.
Da während der Ferien niemand im Hostel war, durfte ich einige Tage am Dental College verbringen. Dort gibt es ebenfalls ein Wohnheim, in dem junge Frauen Zahnmedizin studieren. So konnte ich einen kleinen Einblick in das indische Gesundheitswesen gewinnen und viel Neues lernen. Es war spannend zu hören, wie ihnen ihr Studium gefällt, und die vielen unterschiedlichen Menschen kennenzulernen, die dort leben. Sie kommen aus den verschiedensten Regionen Indiens und waren alle unglaublich freundlich, offen und herzlich.
Vor ein paar Wochen fand außerdem ein großes Hindu-Fest in Madurai statt. Madurai wird nicht umsonst die „Tempelstadt“ genannt. Im Mittelpunkt stand die Göttin Meenakshi, die als Schutzgöttin der Stadt verehrt wird. Ihr Name bedeutet „die Fischäugige“, was für mandelförmige, makellose Augen und tiefes, allumfassendes Wissen steht. Es war beeindruckend zu sehen, welche Bedeutung sie für die Menschen hier hat und wie viele Menschen zusammenkamen, um zu feiern.
Die Menschenmenge dort kann man sich kaum vorstellen, während der Hauptveranstaltung kommen bis zu 1 Million Besucher. Es war atemberaubend zu sehen, wie alles funktioniert hat und wie die Menschen gemeinsam einfach eine schöne Zeit hatten. Überall wurde Wasser ausgeschenkt und Essen verteilt, oft von Privatpersonen für alle Besucherinnen und Besucher. Gastfreundschaft wird in Indien großgeschrieben.
Auch ich wurde mit offenen Armen empfangen. Mir wurden Blumen ins Haar gesteckt, Wasser angeboten und immer wieder sichergestellt, dass es mir an nichts fehlt. Für diese Herzlichkeit und all die besonderen Erfahrungen, die ich hier machen darf, bin ich unglaublich dankbar.
Da nun die Sommerferien begonnen haben, darf ich auch noch ein bisschen mehr von Indien sehen und werde in den nächsten Wochen durch verschiedene Teile des Landes reisen. Ich freue mich darauf, neue Orte zu entdecken, neue Menschen kennenzulernen und weitere Erinnerungen zu sammeln.
Die Zeit hier hat mich geprägt, und je näher die Rückreise rückt, desto bewusster wird mir, wie viel mir Madurai, das Hostel und die Menschen hier bedeuten. Umso mehr versuche ich, die letzten Wochen bewusst zu genießen und jeden Moment aufzusaugen.
Bis bald,
eure Barbara aus Indien